Zu wenig Abstand von mir selbst

Franziska

Zu wenig Abstand von mir selbst

Im März 2020 wurde vermehrt vom Lockdown gesprochen – ich konnte zu diesem Zeitpunkt schwer einschätzen, welche Auswirkungen und Begrenzungen damit einhergehen.
Kurz zuvor hatte ich meinen heutigen Partner kennen gelernt und wir wussten damals nicht, ob wir die Möglichkeit haben werden uns zu sehen. Wir hatten beide große Sorge wie sich unser gemeinsames Leben dann gestalten lässt. Ich hatte Angst während des Lockdowns in Isolation allein zu bleiben.

Für mich war es schwierig nicht zu wissen wie die Menschen in meinem nahen Umfeld mit den neuen Regelungen und Einschränkungen umgehen werden. Ich habe mich sehr streng an alles gehalten und meine Kontakte aufs geringste reduziert. Einige konnte ich mit Abstand draußen treffen, andere wiederum waren dazu nicht bereit. Es fiel mir teilweise schwer, das zu akzeptieren, aber ich musste. Es fühlte sich so an, zurück gestoßen zu werden. Die Personen, die ich gebraucht hätte, konnten nicht für mich da sein.

Dadurch, dass ich nichts mehr unternehmen konnte, was mir sonst im Alltag gut tat, konnte ich immer weniger Abstand von mir selbst nehmen. Das war schlimm und anstrengend, weil ich gezwungen war, mich nur mit mir selbst zu beschäftigen. Ich konnte nicht mehr frei wählen, ob ich alleine sein möchte oder nicht. Ich wurde zunehmend demotivierter, explizit was meine beruflichen Pläne angingen und ich wusste nicht, wie ich alles in Zukunft schaffen sollte. Irgendwann kam ich an den Punkt mit professioneller Hilfe meine Themen anzugehen, Dies hat mir geholfen wieder Energie aufzubringen und meine negative Einstellung zu verändern.

Mein beruflicher Alltag gibt mir Struktur. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich meinen Job im Frauenwohnheim weiterhin ausüben kann. Das tut mir gut und ich kann wieder Kraft schöpfen, trotz der Sorge mich oder andere anzustecken.

Meine Beziehung zu meinem Freund hat kurz vor der Pandemie angefangen und wir mussten uns mit dem Beginn dieser Zeit auch noch einmal für uns entscheiden, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen wollen. Wir haben sozusagen mit dem zweiten Schritt vor dem ersten begonnen. Die Pandemie hat uns als Paar gestärkt. Das war ein ganz neuer und besonderer Beziehungsverlauf, der mich und uns positiv geprägt hat und prägt. Wenn mir meine Familie gefehlt hat, waren er und seine Familie für mich da.

Wenn ich nun zurückblicke, hat mich die Pandemie schlussendlich sehr motiviert. Ich erlebe im Moment einen Aufschwung: beruflich ist viel in Bewegung, ich male wieder mehr und baue meine Interessen aus.

Ich finde es wichtig sich selbst nicht zu verlieren, aber auch für andere da zu sein. Soziale Distanz zu akzeptieren, aber nicht emotionale Distanz zu halten.

Meine Pandemie ist zu wenig Abstand von mir selbst und zu viel Abstand von anderen Menschen.

Franziska

Diplom-Pädagogin, Familientherapeutin i. A., 34 Jahre alt

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