Mein Zuhause

Maryna

Mein Zuhause

Meine Pandemie begann am Flughafen in Bangkok City. Zu dem Zeitpunkt war ich im Urlaub und versuchte von dort aus nach Hause zurückzukehren. Viele Leute befanden sich in der gleichen Situation. Wir rannten hin und her und suchten nach einer Möglichkeit, nach Hause zu fliegen. Viele Leute um uns weinten… In diesem Moment verstand ich die Bedeutung des Wortes „Heimat“.

Bei der Arbeit im Krankenhaus wurden zunächst alle geplanten Operationen abgesagt und es gab fast nichts zu tun. Die Arbeitstage wurden verkürzt und meine Kollegen und ich saßen lange einfach nur da. Irgendwann änderte sich aber die Situation. Einige Kollegen erkrankten, da die Gefahr schon zu nah war. Dies bedeutete für das Krankenhaus eine interne Pandemie. Dabei es gab nicht genügend Schutzmasken, was mich enorm wütend machte.

Viele Bekannte und meine Eltern wollten mich nicht einmal mehr auf der Straße treffen. Dies tat sehr weh. Obwohl ich wusste, dass sie nicht mich verletzten wollten, sondern einfach Angst vor einer Ansteckung hatten.

Ich fing an, dass „einfache“ Leben zu genießen, als ich nicht mehr unterwegs sein konnte. Stattdessen hatte ich die Möglichkeit in aller Ruhe zu kochen, einen Film anzuschauen und mich mit niemandem zu treffen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Jedoch ersetzte dies irgendwann ein Gefühl der Einsamkeit. Es wurde langweilig, allein zu leben. Dieser Zustand wurde chronisch – das Gefühl der Abwesenheit eines geliebten Menschen in der Nähe. Wahrscheinlich sagen sie richtig, dass jeder Mensch einen anderen Menschen und seine Lieblingsarbeit braucht. Bei der Arbeit hatte ich genug Kontakte, um nicht zu verzweifeln.

Ich habe mich nicht verändert, ich habe nur besser verstanden, wer ich bin.

Damals, am Flughafen in Bangkok wollte ich vor allem nicht übernachten, sondern ich wollte unter meine eigene Dusche und mein Bett. Ich hatte einfach großes Glück, dass ich schnell nach Hause zurückkehren konnte.

Meine Pandemie ist mein Zuhause.

Maryna

Chirurgin, 37 Jahre alt

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