Krisenfest werden

Tiemo

Krisenfest werden

Ich feierte das erste mal Karneval und keiner machte sich damals Gedanken um eine Pandemie. Kurz danach kam der Lockdown und ich informierte mich mehr über das ganze Thema, was meine Meinung dann komplett veränderte. Erst dachte ich, dass alles übertrieben sei. Später erkannte ich aber  – man musste es von Anfang an sehr ernst nehmen.

Ich zog mich total zurück. Ich wollte alles streng einhalten bzw. regeln. Als wir uns schon im lockdown befanden, hatte ich einen Konflikt mit meinem Bruder, da wir komplett andere Ansichten hatten. Ich saß fast immer Zuhause. Er arbeitete im Baumarkt und hatte somit viele Kontakte mit Kunden. Außerdem heiratete er in dieser Zeit und ich wollte nicht zur seiner Feier kommen. Durch unsere unterschiedlichen Meinungen habe ich mich sehr weit von meinem Bruder entfernt gefühlt.

Für meine Eltern war es ebenso ein ganz schwieriges Jahr. Meine Großeltern wurden krank und mussten ins Altersheim ziehen. Dadurch hat sich auch die Beziehung zu meinen Eltern verändert. Ich habe verstanden, dass ich Verantwortung für sie zu tragen habe. Nun telefonieren wir viel öfter miteinander und tauschen uns darüber aus, wie es uns geht. Ich bin sensibler in Bezug auf ihre Gefühle geworden. Dadurch ist unser Verhältnis ausgeglichener geworden, ich konnte ich ihnen zumindest einen Teil ihrer Last abnehmen und sie etwas auf andere Gedanken bringen.

Beim Treffen sind die Leute jetzt viel positiver zueinander.

Für den kommenden Sommer haben wir ein großes Fest geplant und lassen uns nicht unter kriegen. Wenn wir nichts gutes mehr planen, wird auch nichts gutes passieren. Ich denke man muss etwas haben, worauf man sich freuen kann.

Meine Pandemie hat mir gezeigt, dass ich selbst relativ stark bin.
Meine Pandemie ist Krisenfest werden.

Tiemo

Sozialarbeiter, 33 Jahre alt

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